Das Klassenzimmer – ein AnachronismusLernen könnte längst wirklich individualisiert sein
Das Lernen im Klassenverband, einst aus der Not geboren, ist heute nur noch eine ineffiziente Tradition.
Vor zweihundert Jahren reformierten Karl Freiherr vom Stein, Karl August Fürst von Hardenberg und vor allem Wilhelm von Humboldt das preußische Bildungswesen. Die Erfolge waren gewaltig – Preußen und später Deutschland stiegen zur führenden Bildungsnation Europas auf. Studenten in anderen Ländern lernten ganz selbstverständlich auch Deutsch, um die neuesten Publikationen vor allem in den Naturwissenschaften lesen zu können – ganz so, wie deutsche Studenten heute englischsprachige Fachliteratur lesen. Nicht zuletzt seinem über lange Zeit hinweg vorbildlichen Schulsystem hatte Deutschland es zu verdanken, dass während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts kein anderes Land der Welt mehr Nobelpreise für Physik oder Chemie erhielt. Trotz Experimentierfreudigkeit tun sich unsere Schulen immer schwererDiese Zeiten sind lange vorbei. Seit Jahrzehnten tun sich unsere Schulen zunehmend schwerer damit, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das liegt vor allem an veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Lange vor der ersten PISA-Studie waren die Probleme bekannt – und die Verantwortlichen reagierten mit nicht enden wollenden Experimenten. Man denke etwa an die vorübergehende Einführung der Mengenlehre an den Grundschulen zu Beginn der siebziger Jahre, die wiederholt geänderten Anforderungen für die Fächerbelegung im Abitur, das Abitur nach zwölf Jahren oder die Einführung von Ganztagsschulen. Alle Schüler bearbeiten gleichzeitig denselben StoffAn der Grundstruktur des Unterrichts wurde dabei so gut wie gar nicht gerüttelt: Heute wie vor zweihundert Jahren steht ein Lehrer vor einer Gruppe von Schülern, gibt ein Thema vor und versucht es mit der Klasse oder dem jeweiligen Kurs zu erarbeiten. Hinter modernen Unterrichtskonzepten wie der Abkehr vom Frontalunterricht, gelegentlichem Teilungsunterricht, Wahlpflichtkursen, dem sogenannten individualisierten Lernen oder selbst dem Einsatz des Sprachlabors verbirgt sich nur dürftig der eigentliche Anachronismus: das Klassenzimmer. Bezeichnend ist, dass an Schulen gelegentlich Schüler aufgefordert werden, das Klassenzimmer der Zukunft zu entwerfen – woraufhin einmal ein besonders aufgeweckter Schüler an einem Gymnasium in Hamburg ein normales Klassenzimmer zeichnete, mit der Begründung: „Im Klassenzimmer hat sich in den letzten hundert Jahren nichts geändert, ich glaube nicht, dass es in den nächsten hundert Jahren anders sein wird.“ Lernen im Klassenverband – schon lange nicht mehr notwendigMan sollte sich klar machen, dass das Lernen im Klassenverband einst einer Not entsprang. Während reiche Bürger ihre Kinder durch Privatlehrer unterrichten ließen, konnte sich die Masse des Volkes kaum Schulbücher leisten. Natürlich konnte der Staat Einzelunterricht für jedes Kind nicht finanzieren, auch rein personell wäre das mit noch so viel Geld nicht möglich gewesen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Damals allerdings blieb nur die Möglichkeit, viele Kinder gleichzeitig in einem Raum zu versammeln und so die Erklärungen des Lehrers zu multiplizieren. Diese Notwendigkeit besteht genau genommen schon lange nicht mehr. Selbst ein Analphabet kann beispielsweise dem Bildungsfernsehen oder einem Lehrfilm folgen. Eingesetzt werden solche Filme in der Schule auch seit langem – und zwar in der Weise, dass die ganze Klasse sich gemeinsam berieseln lässt, während der Lehrer daneben sitzt und sich mehr oder weniger langweilt. Lehrer als Ordnungshüter – das muss nicht seinEigentlich gibt es keinen Grund, warum der Lehrer in diesem Augenblick überhaupt anwesend sein muss – außer um zu verhindern, dass die Schüler während der Vorführung über einander herfallen. Zugegeben, dieser letzte Aspekt wird von Jahr zu Jahr wichtiger, vor allem an den Haupt- und Realschulen. Aber auch er entfiele, würde man den Schülern die Möglichkeit einräumen, den Film zu unterschiedlichen Zeiten anzusehen – etwa dann, wenn sie gerade ein Mindestmaß an Interesse für das Thema aufbringen können. Logistisch wäre das heutzutage jedenfalls kein Problem – man muss im Zeitalter der DVD nicht einmal mehr einen Raum verdunkeln oder eine Leinwand aufstellen. Ebenso einfach wäre es aus technischer Sicht, Schüler gleichzeitig am Computer unterschiedliche Lernsoftware verwenden zu lassen. Man braucht sich nur von der Denkgewohnheit zu befreien, dass sich alle Schüler nach einem vorgegebenen Stundenplan im selben Raum mit derselben Thematik beschäftigen müssen.
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